Young Carers im Fokus: Webinar beleuchtet die oft unsichtbare Realität junger pflegender Angehöriger

Do. 04.06.2026

Beim Begriff „pflegende Angehörige“ wird zunächst meist an Erwachsene gedacht. Tatsächlich übernehmen im Alltag aber auch viele Kinder und Jugendliche zu Hause Pflege- und Unterstützungsaufgaben – vielfach oft unbemerkt und neben Schule, Freizeit und eigener Entwicklung.

Kinder und Jugendliche, die regelmäßig Verantwortung für die Pflege oder Unterstützung eines erkrankten Familienmitglieds übernehmen, bleiben im Alltag häufig unsichtbar. Mit dem Webinar „Young Carers: die unsichtbaren Unterstützer/innen“ widmeten sich die Dienststelle für Patientenorganisationen und die Dienststelle für Selbsthilfegruppen des Dachverbands für Soziales und Gesundheit diesem wichtigen Thema gemeinsam mit Fachreferierenden aus Wissenschaft, Praxis und Schule. Die große Beteiligung am Webinar zeigte, dass das Thema Young Carers zunehmend Aufmerksamkeit erhält und bei Fachpersonen aus unterschiedlichen Bereichen auf großes Interesse stößt.

Professor Martin Nagl-Cupal vom Institut für Pflegewissenschaft der Universität Wien stellte zentrale Forschungsergebnisse zu Young Carers vor. Er zeigte auf, dass junge pflegende Angehörige deutlich häufiger sind, als vielfach angenommen wird: Je nach Land betrifft das Phänomen zwischen drei und über zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen; für Italien wurden 6,6 % genannt.
Der Referent machte deutlich, dass Young Carers häufig Aufgaben übernehmen, die sonst Erwachsene erfüllen: pflegerische Tätigkeiten, emotionale Unterstützung oder Verantwortung im Haushalt. Damit verbunden sind oft Belastungen wie soziale Isolation, psychische und körperliche Erschöpfung oder schulische Schwierigkeiten. Gleichzeitig können manche Betroffene auch besondere Kompetenzen wie Verantwortungsbewusstsein oder Resilienz entwickeln. Entscheidend seien Bewusstseinsbildung, frühzeitige Identifikation und konkrete Unterstützungsangebote.
Im zweiten Vortrag sprach Gudrun Kalchhauser vom österreichischen Roten Kreuz Krems darüber, warum Young Carers oft nicht erkannt werden. Anhand praxisnaher Beispiele zeigte sie, dass Auffälligkeiten wie Müdigkeit, Zuspätkommen oder Konzentrationsprobleme häufig falsch interpretiert werden. Besonders eindrücklich war ihre Aussage: „Ungesehen ist nicht unsichtbar.“ Entscheidend seien Aufmerksamkeit, Sprache und sensible Fragen. Young Carers bräuchten Menschen, die hinschauen, zuhören und ihre Situation ernst nehmen.
Abschließend beleuchtete Christian Rispoli, Schulinspektor für den Dienst für Inklusion und Schulberatung der Deutschen Bildungsdirektion der Autonomen Provinz Bozen, die Situation junger pflegender Angehöriger im schulischen Kontext und ging auf mögliche Unterstützungsmaßnahmen im italienischen Schulsystem ein. Ausgehend von einem Überblick über die gesetzliche Entwicklung – von der schulischen Integration gemäß Gesetz 104/1992 bis hin zur schulischen Inklusion der BES (besondere Bildungsbedürfnisse) – hat die Präsentation aufgezeigt, dass BES auch aus sozialen und familiären Benachteiligungen resultieren können. Dies ermöglicht es, die pflegende Schülerin bzw. den pflegenden Schüler in den Kreis der Anspruchsberechtigten für Schutzmaßnahmen einzubeziehen. Es wurden konkrete Maßnahmen des PDP (Individueller Bildungsplan) für pflegende Schülerinnen und Schüler vorgestellt (etwa zeitliche Flexibilität, digitaler Unterricht), wobei ein besonderer Schwerpunkt auf die Bedeutung der Individualisierung und Personalisierung des Bildungswegs von Young Carers gelegt wurde.
In der Diskussion wurde deutlich, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Schule, Sozial- und Gesundheitsdiensten sowie verschiedenen Fachstellen ist, um Young Carers frühzeitig wahrzunehmen und passende Hilfen anzubieten.
Das Webinar machte deutlich: Young Carers sind keine Ausnahmeerscheinung, sondern Teil unserer gesellschaftlichen Realität. Umso wichtiger ist es, ihre Situation sichtbar zu machen und geeignete Unterstützungsangebote weiterzuentwickeln.
Die Präsentationen der Referierenden stehen hier zum Download zur Verfügung. Das Team „Young Carers“ der Roten Kreuzes hat Leseheftchen zu diesem Thema für Kinder ab der 4. Grundschule entwickelt und in 18 Sprachen übersetzt. Sie können unter diesem link heruntergeladen werden: Young Carers – Rotes Kreuz.

Wer das Thema weiter vertiefen möchte, kann dies im Oktober bei der Internationalen Tagung zu Young Carers in Berlin tun: International young carers conference 2026 – the leading international forum displaying research and best practice about young carers